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Genre: Strategie
Erscheinungsjahr:
2015
Verlag: Z-Man Games / in Deutschland im Vertrieb von Asmodee  ..i..
Autoren: Matt Leacock,
Rob Daviau
Grafik: Chris Quilliams
Spieleranzahl: 2 bis 4
Alter: ab 14 Jahren
Spieldauer: (12 bis max. 24 mal) ca. 60 bis 90 Min.

Einstiegslevel:
   

 
 Glück

Taktik 

leer
     
   

 

 
Pandemic Legacy
Season 1
...

Hurra, wir leben noch!

"Pandemic Legacy" ist ein Brettspiel, dessen Regeln und Komponenten sich von Runde zu  Runde, abhängig von den Entscheidungen der Spieler, unwiderruflich verändern. Die nachfolgende Rezension ist SPOILERFREI, d.h. es werden im Text keine Geschehnisse oder Details aus der Geschichte des Spieles verraten!
 
 
"Wir haben schon so einiges erlebt. Seit mehr als sieben Jahren arbeite ich, Arthur Pewtey, nun mit Susi, Radar und Bob im Krisenreaktionsteam des CDC. Und es gibt kaum einen Winkel auf der Erde, in dem wir noch nicht gegen Seuchen und Epidemien gekämpft haben. Bislang hatten wir meist das bessere Ende für uns. Doch die Zeiten scheinen sich zu ändern. Es hält sich hartnäckig das Gerücht, dass ein Erreger mutiert sein soll. Und in den Nachrichten ist von Städten die Rede, in denen die Bevölkerung langsam unruhig wird. Ich fürchte, dass das, was jetzt auf uns zukommt, anders sein wird als alles, was wir bisher kannten. Macht euch bereit für ein Jahr, das ihr nie mehr vergessen werdet…"

 
So funktioniert's:
Als Brettspielkritiker kommt man ja im Allgemeinen eher selten in die Verlegenheit, ein Spiel beschreiben zu müssen, ohne dem Leser schon im Voraus die spannendsten Stellen zu verraten. Brettspiele bieten zwar meist verschiedene Handlungsoptionen oder gerne auch mal unterschiedliche Siegbedingungen. Aber unvorhergesehene Wendungen oder plötzliche Änderungen der Handlung? Wohl kaum. Bei Buch- oder Filmkritiken sieht das da schon etwas anders aus. Da muss man ganz schön vorsichtig sein, damit man nicht aus Versehen schon den Cliffhanger des Staffelfinales ausplaudert. Oder würdet ihr gerne im nächsten Absatz davon lesen, welche Hauptdarsteller in der aktuellen Staffel von "Game of Thrones" sterben werden, bevor ihr diese gesehen habt? Natürlich nicht.
 
Und dann hat man plötzlich ein Brettspiel auf dem Tisch, das man wie einen Film erleben kann. Ein Spiel, bei dem meine Handlungen während einer Partie alle folgenden Partien beeinflussen werden. Unwiderruflich. Ein Spiel, dessen Spielbrett sich immer weiter verändert, dessen Regeln sich während einer Runde ändern und dessen Erzählung sich von Partie zu Partie weiter entwickelt. Aber fangen wir von vorne an…

 
Wenn wir die Schachtel von "Pandemic Legacy: Season 1" (so der offizielle Name) zum ersten Mal öffnen, kommt uns vieles sehr bekannt vor. Der Spielplan mit der Weltkarte sieht fast so aus wie sein klassischer Vorläufer, die Infektions- und die Spielerkarten, die Charaktere, die Pöppel, die Forschungszentren und die Seuchenwürfel – alles sieht und fühlt sich genauso an wie beim Vorläufer, der Mutter aller Kooperationsspiele, dem Nominierten für das Spiel des Jahres 2009: "Pandemie".
 
Auf dessen genauen Spielablauf möchte ich hier an dieser Stelle nicht weiter eingehen. Wer das klassische "Pandemie" tatsächlich noch nicht kennen sollte, dem sei die Rezension unserer ehemaligen SPIELKULTistin Kerstin ans Herz gelegt, die ihr hier findet (also die Rezension, nicht die Kerstin). Grob umrissen geht es in "Pandemie" darum, dass ein Team von bis zu vier Spielern gemeinsam versucht, die Welt zu retten, indem sie Heilmittel gegen vier grassierende Seuchen finden. Diese breiten sich nach einem verblüffend einfachen wie brutal effektiven System immer weiter über den Globus aus. Jeder Spieler spielt einen Charakter, der mit einer Sonderfähigkeit ausgestattet ist. So kann beispielsweise der Sanitäter besser Seuchen in einer Stadt bekämpfen, während die Wissenschaftlerin weniger Handkarten für das Entdecken eines Heilmittels benötigt und der Logistiker sogar fremde Spielerfiguren bewegen darf.

 
Ein Heilmittel gegen eine Seuche gilt als gefunden, wenn ein Spieler fünf Handkarten in der Farbe der Seuche an einem Forschungszentrum abgibt. Das klingt jedoch leichter als es tatsächlich ist, denn die Handkarten benötigt man ebenso dringend, um mittels Ablegen einer passenden Karte schnell von einem weit entlegenen Krisenherd zum nächsten zu kommen. Und zu allem Übel brechen in mehr oder weniger regelmäßigen Abständen auch noch Epidemien aus, die die Städte mit immer mehr Seuchenwürfeln kontaminieren. Sammeln sich zu irgendeinem Zeitpunkt im Spiel mehr als drei Seuchenwürfel in einer Stadt, kommt es dort sogar zum Ausbruch und die Seuche greift zusätzlich auf die angrenzenden Städte über, Kettenreaktionen inklusive.
 
Die Spieler müssen also ständig zwischen dem Bekämpfen der Seuchen, dem Reisen und dem zielgerichteten Sammeln von Stadtkarten abwägen und liefern sich so ein Wettrennen gegen die Zeit. Schaffen es die vier Mitstreiter, für alle vier Seuchen das passende Heilmittel zu finden, gewinnen sie gemeinsam. Kommt es aber zum insgesamt achten Ausbruch einer Seuche, gehen die Seuchenwürfel einer Krankheit aus oder ist der Spielerkarten-Zugstapel leer, so verlieren die Spieler gemeinsam und die Welt ist dem Untergang geweiht.

 
Wer noch nie eine Partie des klassischen "Pandemie" gespielt hat, kann das problemlos auch mit dem Material aus "Pandemic Legacy" nachholen. Dazu muss man lediglich ein paar Sonderregeln, die nur für das Legacy-Spiel gelten, außer Acht lassen. Auch die Spielregel empfiehlt Neulingen, einige Partien des Basisspiels zu absolvieren, damit man ein Gefühl für die Spielabläufe bekommt, bevor man sich kopfüber in das Legacy-Abenteuer stürzt. Weltrettungs-Veteranen können sich dagegen sofort auf die Reise ins Ungewisse machen …
 
Doch was erwartet uns denn nun? Was ist denn so umwerfend anders als im klassischen "Pandemie"?



Schauen wir uns zunächst mal das Spielmaterial an. Abgesehen von der klassischen "Pandemie"-Ausstattung mit Pöppel, verschiedenfarbigen Seuchenwürfelchen, Markern, Infektions- sowie Spielerkarten und natürlich der Weltkarte auf dem Spielplan fallen uns zunächst fünf dicke, rote Dossiers mit dem Aufdruck TOP SECRET in die Hand. Diese Dossiers sehen aus wie ein zu groß geratener Adventskalender und sind entsprechend mit insgesamt 69 (!) mit Zahlen und Buchstaben versehenen Türchen ausgestattet. Selbstverständlich dürfen wir zu diesem Zeitpunkt noch keines davon öffnen. Top secret eben.



Weiter unten im Spielekarton stoßen wir dann sogar noch auf acht größere, versiegelte, schwarze Schachteln. Doch auch hier müssen wir unsere Neugier im Zaum halten, denn der Inhalt dieser Schachteln ist zu diesem Zeitpunkt natürlich auch top secret. Dazu gibt es noch einen Bogen, der mit dutzenden kleinen und großen Aufklebern daherkommt. Diese dürfen wir uns zumindest schon mal ansehen.

 
Das Herz des Spieles ist jedoch der Stapel mit den Legacy-Karten, der uns vor der ersten Partie mit einem herzlichen "STOP" begrüßt. Sehr verbindlich heißt es da in roten Lettern weiter: "Diese Karten nicht ziehen, aufdecken, ansehen, oder sonst wie anrühren, bis Anweisungen ergehen!"  Von diesem Stapel erhalten die Spieler nach und nach ihre Aufgaben, Anweisungen und Informationen über die Lage in den Krisengebieten auf dem Spielplan. Die Karten dieses Stapels bestimmen darüber hinaus auch, zu welchem Zeitpunkt bestimmte Türchen in den Dossiers oder bestimmte Schachteln geöffnet werden müssen, deren Inhalte das Spiel dann jedes Mal ein Stück weit verändern. Sei es durch eine neue Regel (die auf die entsprechenden Stellen ins Regelheft geklebt werden müssen) oder auf andere Art und Weise.

 
"Pandemic Legacy" erzählt eine Geschichte. Die Geschichte von vier Forschern, die im Verlauf eines Jahres versuchen, die Welt vor dem seuchentechnischen Untergang zu retten. Dabei stellt jede einzelne Partie einen Monat in diesem Jahr dar. Die Spieler starten im Januar und dürfen, sofern sie gewinnen, ihre nächste Partie im Februar fortführen. Schaffen es die Spieler gemeinsam nicht, der Seuchen Herr zu werden, müssen sie den Monat Januar noch einmal wiederholen. Nach zwei gescheiterten Anläufen heißt es aber auf jeden Fall: weiter im nächsten Monat! Somit kann man mit "Pandemic Legacy« also maximal 24 Partien (sprich: im erfolglosesten Fall jeden Monat zweimal) spielen. Zu Beginn des Jahres ist die Aufgabe der Spieler, wie im klassischen "Pandemie", Heilmittel gegen die vier Seuchen zu finden. Alle weiteren Aufgaben kommen mit den Karten des Legacy-Decks, die am Anfang jeden neuen Monates, manchmal aber auch zwischendrin, gezogen werden müssen. Am Anfang müssen die Spieler zunächst nur eine Aufgabe erfüllen, um die Runde zu gewinnen. Doch schon bald erhöht sich die Zahl der zu erfüllenden Missionen.

Wie diese Aufgaben aussehen? Das darf ich hier natürlich nicht verraten. Nur so viel: so entspannt wie zu Beginn des Jahres wird es nie wieder…

 
Und nicht nur die Aufgaben ändern sich. Auch die Charaktere, die sich die Spieler zu Beginn jeder Runde aussuchen, verändern sich, je weiter das Jahr fortschreitet. Sie können beispielsweise nach dem Ende einer Partie Sonderfähigkeiten, die in allen weiteren Partien hilfreich sein können, hinzugewinnen. So kann ein Charakter ein höheres Handkartenlimit bekommen oder auch die Fähigkeit, von einer benachbarten Stadt aus Krankheiten behandeln zu können. Entsprechende Aufkleber vom Stickerbogen werden dafür dauerhaft auf die Charakterkarte geklebt. Die Protagonisten sind nun auch fähig, Beziehungen zueinander zu entwickeln, so dass zwei Charaktere, die Kollegen oder sogar Verwandte sind, von dem gleichen Vorteil profitieren. Auch hierfür gibt es wieder entsprechende Aufkleber für die Charakterkarte.
Nun ist leider dort, wo Licht ist, auch der Schatten meist nicht sehr weit. Denn sollte sich ein Charakter in einer Stadt befinden, in der es zu einem Ausbruch kommt, erhält er eine dauerhafte Narbe, die selbstverständlich auch wieder per Sticker auf die Charakterkarte geklebt wird. So kann er plötzlich übervorsichtig werden, verängstigt sein oder gar an einer posttraumatischen Belastungsstörung erkranken. Solche Narben schränken den Charakter dauerhaft und teilweise empfindlich ein. Daher kann jeder Held auch nur zwei Narben aushalten. Sollte er jemals eine dritte Narbe einstecken müssen, stirbt dieser Charakter. Nicht nur für diese Runde, sondern für immer. Unbarmherzig weist die Regel die Spieler in solch einem Fall an, die betreffende Charakterkarte zu zerreißen (!), so dass außer ein paar Erinnerungen nichts mehr von diesem Protagonisten übrig bleibt.

 
Seuchenausbrüche, das lehrt uns schon die Geschichte, haben für die betroffene Bevölkerung meist fatale Auswirkungen. Und so bleiben auch die Städte auf unserem Spielbrett nicht verschont. Jedes Mal, wenn sich ein Ausbruch ereignet, müssen wir diese Stadt mit einem Panik-Sticker versehen. Dieser Sticker zeigt die aktuelle Panikstufe der Stadt an, die sich von 1 beginnend (»instabil«) bis auf 5 (»zerstört«) erhöhen kann. Je nach Stufe wird es für die Spieler dann immer schwieriger, diese Städte zu betreten, denn die Bevölkerung wird immer unsicherer und beginnt, zu revoltieren (weil möglicherweise dringende Medikamente nicht mehr vorhanden sind oder die öffentliche Ordnung zusammengebrochen ist). Das kann sogar dazu führen, dass bestehende Forschungszentren dauerhaft zerstört oder Reisen in diesen Ort unmöglich werden.

 
So wird jede Partie und jeder Monat ein neuer Fight um das Überleben der Menschheit und ein Wettrennen gegen die Zeit, während die Charaktere immer mehr Persönlichkeit entwickeln und das Team immer enger zusammengeschweißt wird. Aber gleich ob eine Partei gewonnen oder verloren wurde, am Ende dürfen sich die Spieler gemeinsam zwei Fortschritte aussuchen, die für die folgenden Partien den Kampf gegen die Seuchen etwas leichter machen. Das ist auch bitter nötig, denn das Ringen um das Schicksal der Menschheit wird von Monat zu Monat schwieriger und entbehrungsreicher.
 
Doch am Ende des letzten Monats und der letzten Partie können alle Spieler zurückschauen auf erlebnisreiches und packendes Jahr. Ein Jahr, das man mit Sicherheit so schnell nicht wieder vergessen wird… [am]

Hinweis: "Pandemic Legacy" wurde von der Fachjury zum "Kennerspiel des Jahres 2016" nominiert.
 
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  PLUS:
PLUS:
fesselndes Spielerlebnis,
   das sich anfühlt, als wäre man  
   Teil einer spannenden Serie:
   Brettspiel als Gruppenerlebnis.
die einzelnen Partien wirken noch
   lange nach (»Wir müssen im
   nächsten Monat unbedingt…«,
   »Hätten wir doch bloß…«,
   »Weißt du noch …«).
Neugierde auf den nächsten
   Monat ist ähnlich stark wie bei
   einem Cliffhanger am
   Serienstaffel-Ende.
   (»Sollen wir nicht doch noch
   eine Partie machen? Ich will so
   gerne wissen, wie es
   weitergeht …«)
ENDE
  MINUS:
MINUS:
das Spiel ist nur einen Durchgang
   (ein »Jahr«) lang spielbar. Ein weiterer
   Legacy-Durchgang ist unmöglich.
das Spiel sollte möglichst immer
   von den gleichen Mitspielern
   gespielt werden. Unterschiedliche
   Besetzungen gehen rein regeltechnisch
   auch, mindern das Spielerlebnis und-  
   vergnügen aber erheblich.
zumindest Besitzer der ersten Auflage
   sollten unbedingt die Errata auf
   boardgamegeek.com konsultieren
   (Link siehe unten)

leer
PUNKTE-CHECK:
   SPIELIDEE
      Originalität, Regeln
 
   AUSSTATTUNG
      Material, Umfang
 
   SPIELABLAUF
      Mechanik, Einfluss
 
 
     
André: Was uns der Verlag Z-Man Games da mit "Pandemic Legacy" auf die heimischen Spieltische gebracht hat, ist schon eine Klasse für sich.  Dabei ist das Legacy-Prinzip, also das unumkehrbare Weiterentwickeln und Verändern des Spieles mitsamt seiner Regeln und Komponenten, gar nicht mal so neu. Der Autor Rob Daviau hat mit diesem Prinzip bereits im Jahr 2011 das klassische "Risiko" zu "Risiko Evolution" (engl. "Risk Legacy") weiterentwickelt. Diesem Spiel war allerdings nur mäßiger Erfolg beschieden, was vermutlich auch daran lag, dass das klassische "Risiko" (auch bekannt als "Harre bis zum bitteren Ende in Australien aus") nicht unbedingt zu den Sternstunden der Brettspielgeschichte zählt. Doch mit der Idee, dieses Legacy-Prinzip auf ein so gutes wie erfolgreiches Spiel wie Matt Leacocks "Pandemie" anzuwenden, das sich darüber hinaus durch seine kooperative Ausrichtung für einen gemeinsam erlebte Erzählung geradezu anbietet, gelang dem Autorenpaar ein genialer Coup.
 
Als "Pandemic Legacy" im Jahr 2015 in Essen am Messedonnerstag seine Weltpremiere hatte, war ich zunächst skeptisch. Ein neuer "Pandemie"-Klon? Braucht man das unbedingt? Und so verließ ich die heiligen Hallen denn auch ohne ein Exemplar in den sowieso schon wieder viel zu vollen Taschen. Doch je mehr Wochen nach der SPIEL vergingen, desto lauter und vielstimmiger wurde der Chor in der Brettspiel-Community, der "Pandemic Legacy" in den allerhöchsten Tönen lobte. Gleichzeitig schaffte es das Spiel in allerkürzester Zeit auf Platz 1 des Rankings auf Boardgamegeek zu klettern, um dort nach weniger als drei Monaten auf dem Markt ein Spiel zu verdrängen, das sich über Jahre eisern auf eben diesem Platz 1 gehalten hatte. Allenthalben Euphorie und Begeisterung. Im darauffolgenden Frühjahr war dann mein letzter Widerstand gebrochen und das Abenteuer konnte auch bei uns beginnen.
 
Dabei sei vorausgeschickt, dass man "Pandemic Legacy" nach Möglichkeit mit einer festen Besetzung spielen sollte. Es ist zwar grundsätzlich möglich, die einzelnen Partien mit wechselnden Spielern zu spielen, aber das Spielerlebnis wird dadurch merklich geschmälert. Denn "Pandemic Legacy" ist nicht nur ein Brettspiel, es nimmt uns mit und lässt uns zu Teilen einer Geschichte werden, die wir mit unseren Handlungen selbst beeinflussen. Das beginnt damit, dass wir den einzelnen Charakteren Namen geben. Auf einmal reden wir nicht mehr von dem Sanitäter, der Forscherin, dem Logistiker oder der Generalistin. Nein, wir beraten darüber, wie wir Arthur, Susi, Radar und Dr. Bob am besten einsetzen können, um der Seuchen Herr zu werden. Wir überlegen uns einmal mehr, ob wir eines unserer Teammitglieder in eine Stadt mit drei Seuchenwürfel schicken und es damit der Gefahr einer Narbe aussetzen wollen. Denn dieser – unser! – Charakter wird mit dieser Narbe für den Rest des Spieles leben müssen. Da will man sich gar nicht ausmalen, dass ein Alter Ego, mit dem man schon mehrere Monate durch dick und dünn gegangen ist, bei Erhalt einer dritten Narbe sogar versterben würde. Und dessen Charakterkarte man dann zu allem Überfluss auch noch zerreißen müsste! Mit diesen Gedanken im Hinterkopf und den ungewissen Herausforderungen der kommenden Monate im Blick wachsen die Spieler schnell zu einem eingeschworenen Team zusammen.
 
Der Erzählstrang des Spieles ist dabei sehr gut aufgebaut. Zu Beginn der ersten Partie im Januar spielt man im Grunde das klassische "Pandemie". Bekanntes Terrain, auf dem man sich schnell zurecht findet und heimisch fühlt. Je weiter das Spiel dann fortschreitet, desto mehr ändert sich das Spiel. Die Anzahl und Art der Aufträge, die man zu erfüllen hat, um das Spiel zu gewinnen, ändern sich, Komponenten werden dem Spiel hinzugefügt, sogar die Spielregeln selbst werden verändert und ergänzt. Dabei kommt aber zu keiner Zeit das Gefühl auf, dass man die Übersicht verlieren könnte. Neue Elemente erscheinen meist erst dann, wenn sich die tapferen Weltretter auf die vorhergehenden Änderungen einstellen konnten. Und da jedes neue Ereignis erzählerisch nachvollziehbar in die Handlung eingebaut ist, fällt es zudem leichter, sich auf die neue Lage einzustellen. Schritt für Schritt finden so immer mehr Aufkleber ihren Weg auf das Spielbrett und die Einträge auf den Charakterkarten werden länger und länger. Schon nach kurzer Zeit sitzt man dann vor einem individuellen Spielbrett, das es genau so wahrscheinlich kein zweites Mal auf der Welt geben wird.
 
Auf unsere Spielgruppe hatte "Pandemic Legacy" annähernd denselben Effekt wie eine Blockbuster-Serie à la "Games of Thrones": packend, mit Lust auf noch mehr. Nach jeder Partie wollten wir unbedingt wissen wie es weitergeht, auch wenn der Abend (oder besser, die Nacht) schon weit fortgeschritten war. Und immer, wenn wir dachten, wir haben die Sache langsam im Griff, nahm das Spiel eine Wendung, mit der wir absolut nicht gerechnet hätten. Und so ungewöhnlich das Spiel ist, so ungewöhnlich ist auch der Umgang mit dem Material. Bei der ersten Aufforderung, eine Karte zu zerreißen, waren wir uns noch unsicher, ob wir denn WIRKLICH eine Komponente des Spieles zerstören sollten. Als Spieleliebhaber bekommt man ja in der Regel schon bei dem Gedanken an einen Kartoffelchips-Fleck auf dem Spielplan eine Gänsehaut. Und dann soll ich etwas im Spiel mutwillig kaputt machen?! Aber ich kann euch versichern: man gewöhnt sich dran…
 
Im weltweiten Netz wurden natürlich auch schon Stimmen laut, die sich darüber beschwerten, dass man "Pandemic Legacy" ja nur ein einziges Mal spielen könne und danach nur noch eine nutzlose Box mit einer Menge Zubehör im Schrank habe. Richtig ist, dass man das Spiel in der Tat nur einmal durchspielen kann. Doch bis man an diesem Punkt angekommen ist, hat man in der Regel circa 18 Partien absolviert (denn selbst bei perfektem Spiel kann eine unglückliche Kartenverteilung ein Spiel kippen lassen). In diesen Partien hat man mit seinen Freunden gemeinsam zusammengesessen und packende, meist sehr knappe Spiele erlebt, die noch lange in Erinnerung bleiben werden. Für dieses bislang einzigartige Erlebnis nehme ich gerne in Kauf, dass ich am Ende eine Schachtel ohne weiteren Nutzen im Regal liegen habe. Ein Kinobesuch zu viert kostet auch nicht viel weniger und hinterlässt nur ein paar leere Popcorneimer. Nichtsdestotrotz: wer ein Spiel haben möchte, welches er immer wieder und in wechselnden Besetzungen spielen möchte, der sollte lieber von "Pandemic Legacy" die Finger lassen und eher zum klassischen "Pandemie" (mit oder ohne Erweiterungen) greifen.
 
Für alle anderen, die jetzt auch mit dem Virus (!) infiziert sind und am liebsten morgen schon mit der Weltrettung beginnen würden, noch ein nicht unwesentlicher Hinweis: Ärgerlicherweise haben sich (zumindest in der ersten Auflage) ein paar Fehler und missverständliche Formulierungen auf die Karten und in die Regel geschlichen. Daher sollte man auf jeden Fall vor dem Spiel (bzw. vor den betreffenden Monaten) einen Blick auf die deutschsprachigen, spoilerfreien (!) Errata auf boardgamegeek.com werfen. So kann man sich einigen Frust ersparen. [Link]
 
Zusammengefasst ist "Pandemic Legacy" spannend, neuartig, faszinierend, anders. Großes Kino am heimischen Spieltisch. Mit einem Spielbrett, das die erlebte Geschichte festhält, und die Erinnerungen speichert. Und bei dessen Anblick man sich gewiss auch noch lange Zeit nach dem letzten Spielzug zurückerinnern wird: "Weißt du noch, wie wir in letzter Sekunde Essen vor dem Untergang gerettet haben?"

P.S: Die Season 2 von "Pandemic Legacy" ist bereits in Planung und wird voraussichtlich im Sommer 2017 erscheinen.

...
 
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      (Langzeit-)Spielreiz
 
Ende
 

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