Genre: Strategie, Aufbau
Erscheinungsjahr: 2008 Verlag: Lookout Games
..i.. Autor: Uwe Rosenberg Spieleranzahl: 1 bis 5 Alter: ab 12 Jahren Spieldauer: ca. 100-200 Min. (je nach
Spieleranzahl und Variante)
Einstiegslevel:
Glück
Taktik
leer
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Le
Havre
Hafengeschichten Eine steife Brise weht
Ihnen um den Kopf, als Sie spät abends aus der Hafenkneipe „Le
Poissonier“ auf die Docks von Le Havre treten.
Eben
haben Sie nach harten Verhandlungen Ihr gesamtes
Vermögen aufgebracht, um ein Stück vom neuen Kuchen zu
ergattern. Und in der Ferne, verschleiert von dunklen
Sturmwolken, glauben Sie, das kleine Dockviertel zu
erspähen, das nun das Ihrige ist. Es ist an Ihnen,
dieses Stück Le Havre mit Leben zu füllen, florierende
Handelsbetriebe zu errichten und Ihr Vermögen
wiederzugewinnen und das vorher zusammengekratzte weit
zu übertreffen.
Der Spielplan
ist dreigeteilt: Oben sieht man den Warenvorrat,
darunter den Schifffahrtsweg und unten schließlich das
Warenangebot.
Diese Gebäude
bzw. Produktionsstätten wollen errichtet werden.
Als Sie
sich, begleitet vom Geschrei der geiergleich immer
kreisenden Möwen, Richtung Freiheit bewegen und sich
fragen, wo Sie in diesen Zeiten eine halbwegs
zuverlässige Mannschaft zusammenpuzzeln sollen, blicken
Sie raus auf den Ärmelkanal. „Die See ist eine
unbarmherzige Geliebte“, denken Sie sich, „– das ist die
Geschäftswelt aber auch.“
So
funktioniert's:
Le Havre ist – ganz ähnlich seinem Vorgänger „Agricola“
– eine komplexes Strategiespiel, in dem es darum geht,
möglichst viel Vermögen (stilecht: französische Francs)
anzuhäufen, und zwar Mobilien wie Immobilien. Sie sind
Hafenunternehmer im Le Havre des beginnenden zwanzigsten
Jahrhunderts und erpicht darauf, möglichst viel Kohle zu
scheffeln. Das ist zum Teil buchstäblich der Fall. Es
gilt, mit einem wahrhaft spärlichen Anfangsvermögen
möglichst viele wertvolle Gebäude und Schiffe zu bauen
und Ihre Arbeiter mit Nahrung zu versorgen.
Jeder
Spieler verfügt zu Beginn des Spiels über einen
Schiffsspielstein und einen Arbeitstruppspielstein in
seiner Farbe sowie über ein paar Rohstoffe und Francs.
Das dreiteilige Spielbrett besteht aus dem Warenvorrat
(oben), der Schiffsstraße (Mitte) und der Warenauslage
(unten). Der Spielzug besteht im Grunde aus nur zwei
Phasen: zunächst zieht der aktive Spieler seinen
Schiffsspielstein entlang der Schiffsstraße auf das
nächste freie Feld und legt die auf dem Feld
abgebildeten Waren aus dem Vorrat in die Auslage –
Spielzugteil I.
Die
Warenauslage
Erntezeit
Sodann
entscheidet er, ob er entweder eine einzelne
Warenauslage (Francs, Fisch, Holz, Lehm, Eisen, Korn und
Vieh) an sich nimmt oder seinem Arbeitstrupp einen
Auftrag erteilt. Dieser begibt sich entweder in einen
der Stadt Le Havre gehörenden Bauhof, um – gegen
entsprechende Gebühr – eines der oben ausliegenden
Gebäude mit den zur Verfügung stehenden Rohstoffen zu
bauen (das Gebäude geht dann in den Besitz des Spielers
über und wird vor diesem abgelegt) oder aber der Trupp
begibt sich in eine Produktionsstätte (müssen ebenfalls
erbaut werden), um Rohstoffe zu produzieren (etwa Lehm
aus der Lehmgrube) oder zu veredeln (etwa Lehm zu
Ziegeln brennen) – Spielzugteil II.
Das
Betreten eines fremden Gebäudes kostet oft Geld oder
Nahrung; die Gebühr muss an den Eigentümer des Gebäudes
bezahlt werden. Manchmal wird für den Veredelungsprozess
auch Energie gebraucht, die aus Holz, Holzkohle, Kohle
oder Koks gewonnen wird. Diese Energiestoffe werden
allerdings nicht an den Eigentümer gezahlt, sondern an
die „Bank“. Da jeder in seinem zweiten Spielzugteil nur
eine Aktion durchführen kann, muss gut überlegt werden,
ob gebaut oder produziert werden soll.
Will der
Spieler etwa aus Korn Brot backen, muss er den Eintritt
in die Bäckerei (soweit sie schon gebaut wurde und nicht
ihm selbst gehört) bezahlen (1 Nahrungseinheit),
entscheiden, wie viel Korn er investieren will und
soviel Energie angeben wie auf der Bäckereikarte
angegeben (eine halbe Einheit pro gebackenem Brot). Dann
erhält er so viele Brote wie er Korn investiert hat und
zusätzlich einen halben Franc pro Brot als Subvention.
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Problematisch ist auch die Tatsache, dass bis auf in der
Schlussrunde immer nur ein Spieler ein bestimmtes
Gebäude betreten darf und es auch erst dann verlässt,
wenn der Arbeitstrupp anderweitig eingesetzt wird, was
aufgrund der Option, Rohstoffe aus der Auslage zu
nehmen, nicht immer der Fall ist. Es kann extrem
ärgerlich sein, wenn Ihr glorreicher Plan sieben Runden
gebraucht hat, um vollendet zu werden, und sie wie ein
Hamster die richtigen Produkte mühsam gesammelt haben,
nur um dann festzustellen, dass das Gebäude, das sie für
die Umsetzung Ihres Plans permanent besetzt ist – dann
muss man eben umdenken oder sich in Geduld üben.
Zusätzlich können Spieler eine Kaufaktion ausführen
(Gebäude oder Schiffe aus der Auslage zum angegebenen
Preis erwerben)zu der auch die Auslösung von
Schuldscheinen zählt (dazu später). In dieser Phase, die
nahezu immer ausgeführt werden kann, können auch Gebäude
und Schiffe zum jeweils halben Wert an die Stadt
verkauft werden, etwa um Zins- oder Nahrungsschulden zu
decken.
Nachdem
nun das erste Spielerschiffchen das Ende der
Schiffsstraße erreicht hat, müssen die Arbeitstrupps der
Spieler mit der auf der Rundenkarte ausgeschriebenen
Anzahl an Nahrungseinheiten – abhängig von der
Spielerzahl – ernährt werden. Hierzu gilt: Nur Fisch
kann unveredelt verzehrt werden, alle anderen
Nahrungsmittelrohstoffe (Korn, Vieh) müssen verarbeitet
werden, bevor sie genießbar sind; jede Nahrungseinheit
kann auch durch einen Franc ersetzt werden.
Auf der Wasserstraße
herrscht reger Verkehr.
Wer die
Nahrung oder die Francs nicht aufbringen kann, muss
einen Schuldschein aufnehmen, der 4 Francs bringt,
dessen Auslösen 5 Francs kostet und dessen Vorhandensein
bei Spielende 7 Francs Strafe kostet – dies gilt es
naturgemäß zu vermeiden. Zwischendurch begegnet man auf
der Schiffsstraße der Anweisung „Zinsen“, die alle
Schuldscheininhaber dazu zwingt, sofort einen Franc zu
zahlen und ggf. weitere Schuldscheine aufzunehmen, um
die Zinslast zu begleichen.
Die
Rundenkarte wird dann auf ihre Rückseite gedreht, die
ein Schiff abbildet, zunächst aus Holz, dann Eisen, dann
Stahl und zuletzt – gegen Spielende –Luxusliner. An
dieser Stelle sei die Bemerkung erlaubt, dass das
Gewinnen des Spiels ohne diese Schiffe – seien sie
gekauft oder in der Werft gebaut – schlicht nicht
möglich ist. Schiffe bringen nämlich Nahrung – je edler
das Schiff, desto mehr. Diese Nahrung kann nur am
Rundenende zur Ernährung eingesetzt werden und ist nicht
speicherbar. Wer keine Schiffe besitzt, wird das ganze
Spiel über damit beschäftigt sein, den fortwährend
steigenden Nahrungsbedarf seiner Arbeiter zu decken und
wird keine Zeit haben, nebenbei noch zu bauen geschweige
denn zu kaufen.
Im Speicher
werden Waren gelagert.
Tipp:
Zu vielen Spielen präsentiert SPIELKULT.de kostenlose
Erklärvideos!
Die
Rundenkarten enthalten neben der benötigten
Nahrungseinheitenanzahl und den Schiffen auch
Anweisungen, dass die Stadt Le Havre entweder ein
Sondergebäude baut (vom entsprechend bereit gelegten
Stapel) oder eines der Gebäude der nach Ordnungszahlen
sortierten Gebäudeauslage (dann das mit der kleinsten
Ordnungszahl). Gespielt werden je nach Spielerzahl 7
(ein Spieler – ganz recht, auch hier gibt es eine
Solofassung!) bis 20 Runden (fünf Spieler). Außerdem
ordnen die Rundenkarten manchmal Erntezeiten an, während
derer jeder Kornbesitzer ein weiteres Korn, jeder
mindestens zwei Vieh Besitzende ein weiteres Vieh
erhält.
Am
Ende der letzten Runde folgt eine Schlussrunde, in der
noch einmal alle Kräfte mobilisiert werden können, um
den Francs-Stand in die Höhe zu treiben, wie gesagt ohne
die Ein-Trupp-pro-Gebäude-Beschränkung, und das ist auch
gut so, denn zum Spielende sind vor allem die
Seine-Brücke als auch die Reederei für alle interessant,
die ihren angesammelten und nun praktisch nutzlosen
Rohstoffberg in Francs umsetzen möchten (sehr zu
empfehlen). Zusätzlich zählen alle Gebäude und Schiffe,
die ein Spieler besitzt, mit ihrem entsprechenden Wert
(Achtung: nicht Kaufpreis!) zum Vermögen des Spielers.
Der Spieler mit der meisten Kohle (diesmal
ausschließlich metaphorisch gemeint) gewinnt das Spiel.
Das
Spiel verfügt noch über ein Zusatzfeature: Es gibt eine
verkürzte Fassung für Einsteiger oder chronisch
Gehetzte, die nicht ganz so lange dauert wie die
Komplettversion, aber immer noch eine stattliche
Minutenanzahl benötigt. [lj]
Vielen Dank an Lookout Games / Heidelberger Spieleverlag
für ein Rezensionsexemplar!
MINUS:
MINUS:
sehr lange Spieldauer
Spielmaterial-Fülle
"erschlägt"
leer
PUNKTE-CHECK:
SPIELIDEE
Originalität, Regeln
AUSSTATTUNG
Material, Umfang
SPIELABLAUF
Mechanik, Einfluss
Lewis: "Le Havre" ist für Agricolafans
und Freunde komplexer Spiele unbedingt zu
empfehlen! Trotz des sehr guten Eindrucks finden
sich bei mir kleine Kritikpunkte, die zumindest
erwähnt werden sollten: Zunächst empfinde ich
die Fülle an Pappplättchen, die jeweils Rohstoff
auf der einen und Endprodukt auf der anderen
Seite darstellen, als etwas störend; man kann
hier von einem echten Wust an Teilen sprechen,
die der Spieler sorgfältig trennen muss: ein
unachtsamer Handgriff, und der Warenvorrat gerät
unnachvollziehbar durcheinander. Natürlich ist
dies aber dem Preis-Leistungs-Verhältnis
geschuldet. Schön ist es dennoch nicht.
Die lange Spieldauer ist leider immer wieder ein
potenzieller Spielhinderungsgrund; ähnlich wie
bei "Agricola" muss man deshalb den festen
Vorsatz fassen, "Le Havre" zu spielen, und
entsprechend viel Zeit mitbringen – das will
nicht unbedingt jeder, wobei das Spiel auch gar
nicht die breite Masse ansprechen möchte.
Die
Regeln sind zwar recht übersichtlich gestaltet
und enthalten eine ausführliche
Gebäudefunktions- und Kostenliste, schweigen
aber zu einigen unklaren Punkten, z. B. zu
welchem Zeitpunkt wer eine Werft modernisieren
darf. Eine FAQ-Liste oder
Regelkollisionsanweisung wäre hier
wünschenswert.
Wenn man es als Kritikpunkt ansieht, – und
einige tun dies – dass man das Gefühl hat, nicht
voranzukommen, weil man eben nur eine Aktion
machen darf, dann reiht sich diese Tatsache in
die Liste der unerfreulicheren Punkte ein. Ich
persönlich komme zwar aus dem Schimpfen über „So
viel zu tun, so wenig Zeit“ selten heraus,
glaube aber, dass das gerade die Herausforderung
darstellt, derentwegen man solche Spiele spielt.
Deswegen kann dieser Punkt auch als Plus
ausgelegt werden.
Wie man sieht, ist meine "Mängelliste" lang, was
aber mitnichten heißen soll, dass dies den
herausragenden Gesamteindruck tatsächlich im
großen Maße schmälert! "Le Havre" ist
erstaunlich kurzweilig und fordert den Spieler
zu planerischen Höchstleistungen und großer
Flexibilität auf.